Gedanken zur IFSS-Dryland-Weltmeisterschaft 2017 in Polen

Nachdem auf Facebook bereit zahlreiche Diskussionen geführt wurden, ob die IFSS-Weltmeisterschaft in Szamotuly-Kozle, Polen (24.-26.11.2017) überhaupt gefahren werden sollte; ob damit Musher, insbesondere Gespannfahrer, vor den Kopf gestoßen würden und ob das Ganze nicht sogar tierschutzrelevant sei, einige Gedanken von mir. Ich war als Gespannfahrer für das deutsche Team vor Ort, war auf dem Trail und kann entsprechend aus erster Hand beurteilen, was gut oder schlecht war. Es handelt sich um eine persönliche Einschätzung und meine eigene Wertung.

Organisation

Die Polen haben sich sehr bemüht, eine gute WM auf die Beine zu stellen. Dass das Wetter den Stakeout und den Trail aufgeweicht hat ist ärgerlich, aber darauf hat niemand einen Einfluss. Und wenn man sich die Wetterdaten anschaut, sieht man, dass es in den letzten Wochen überdurchschnittlich viel geregnet hat. Auch dafür, dass die Organisatoren hier Tag und Nacht arbeiten, um die Bedingungen zu verbessern, gebührt ihnen zumindest Respekt. Die Polen haben von Mittwoch auf Donnerstag extra noch einen Acker dazu gekauft, damit dort Musher stehen können. Die Felder wurden teilweise dick mit Stroh bedeckt, um trockenere Wege zu schaffen (der nächste Bauer wird sich freuen…), der Trail wurde nachts immer wieder präpariert und verbessert. Es gibt Strom, Wasser/Sanitär, beheizte Zelte, Live-Ergebnisse (mit Zwischenzeiten!), besseres Essen als in England letztes Jahr und schwere Technik, die sich um steckengebliebene Fahrzeuge super gekümmert hat.

Trail

Der Trail war grundsätzlich WM-würdig. Natürlich gab es insgesamt etwa 500 bis 1000 Meter mit Matsch, aber eben auch über 4 Kilometer festen Boden. Und Mushen bedeutet eben nicht nur, schnelle Hunde über den Trail zu hetzen, sondern diese auch in allen Situationen kontrollieren zu können. Und wie erwähnt wurde der Trail immer wieder verbessert. Die u.a. bei Heinrich zu sehenden tiefen Kuhlen wurden bestmöglich beseitigt. Jeder, der nicht hier war und behauptet, die Starter seien Tierquäler, hat den Schuss nicht gehört! Dieser Trail war trotz aller Widrigkeiten deutlich besser und sicherer als in Reisenbach (eigentlicher Rennort für die Deutsche Meisterschaft zwei Wochen zuvor, der jedoch aufgrund von Dauerregen ins Wasser gefallen ist).

Das Rennen

Der Start- und Vorstartbereich wurde vorbildlich organisiert. Ausreichend Helfer haben die Reihung der Starter (immerhin über 500 Musher!) vorbildlich organisiert und jeden Wagen auf Regelkonformität geprüft. Das würde ich mir auch in Deutschland häufiger wünschen. (In Schweden war das übrigens auch ganz normal – und da war ich nur bei einem „Dorfrennen“.) Noch einmal hervorheben möchte ich: Live-Ergebnisse und Zwischenzeiten!

Vet-Check

Hier gibt es Verbesserungspotential. Bei mir wurden zwar sämtliche Hunde optisch begutachtet, alle Chips ausgelesen und die Impfausweise kontrolliert, aber das ist wohl nicht bei allen so gründlich abgelaufen. Teilweise wurden die Impfausweise nicht einmal angesehen oder Chips nicht ausgelesen. In England war es vergangenes Jahr sogar Pflicht, den Gangapparat der Hunde prüfen zu lassen. Hätte ich mir in dieser Gründlichkeit auch hier gewünscht, zumal ausreichend Veterinäre vor Ort waren.

Unsere Leistung

Im Großen und Ganzen bin ich zufrieden mit den Leistungen meiner Hunde, auch wenn wir unser selbstgestecktes Ziel (Top10 und bestes deutsches Team in DR4) nur am ersten Tag erreichen konnten. Durch Finjas Stopp unmittelbar vor der Zeitmessanlage beim zweiten Lauf haben wir wertvolle Sekunden verloren und sind auf Platz 12 abgerutscht – immerhin noch in der vorderen Hälfte der weltbesten 4-Hunde-Musher. (25 Schlittenhundeführer aus 13 Ländern sind in dieser Kategorie angetreten.) Nach Auswertung zahlreicher Daten glaube ich auch den Grund für Finjas „Fehlverhalten“ gefunden zu haben (zumal dieses Problem schon einmal vor 2,5 Jahren bei einem anderen Rennen aufgetreten ist). Ein störender Fotograf war dabei nur eine Ursache, in deren Folge ich jedoch falsch reagiert habe. Die Menschenmassen am Ziel haben Finja zusätzlich eingeschüchtert. Zum Dritten hat die Tugline von Finja an Spannung verloren. Die Lösung wäre gewesen: Ich hätte das Team abbremsen müssen, um Finja erstmal wieder Sicherheit zu geben, statt Finja weiter zu motivieren und anzutreiben. In der Konsequenz werden wir unser Training noch einmal überarbeiten und auch solche Situationen und Ablenkungen wie im heutigen Zieleinlauf verstärkt kontrolliert üben. Zudem muss ich prüfen, ob Finja bei großen Rennen noch Lead laufen sollte.

Nachdem Finja anhielt, bin ich vom Wagen herunter und habe das Team an der Neckline ins Ziel geführt. Dabei ist der Wagen umgekippt, weil ich intuitiv die Feststellbremse aktiviert hatte. Aber lieber so, als wenn der Wagen in die Hunde hereingefahren wäre – letzteres wäre deutlich schlimmer gewesen.

Sie ist zwar die erfahrenste Hündin im Team, aber sie fühlt sich auch im Wheel sehr wohl und ich habe noch weitere Hounds, die ebenfalls leadfähig sind und vielleicht etwas kopfstärker als Finja. Trotzdem bin ich wahnsinnig stolz auf Finjas Leistung (ebenso wie auf die Leistungen von Co-Leader Freddy sowie Zora und Sheldon im Wheel). Immerhin haben wir auch im Vergleich zur EM im vergangenen Jahr einen deutlichen Schritt vorwärts gemacht (damals Platz 19 in DS2). Und auch der Zeitabstand zum Erstplatzierten liegt mit gut einer Minute (nach beiden Läufen) noch im Rahmen des Akzeptablen.

Danke

Mein erster und größter Dank geht natürlich (wie immer) an meine Hunde, dafür, dass sie alles gegeben haben und auch mit den widrigen Stellen im Trail so gut klar gekommen sind. Danke aber auch an meinen Sponsor Dyck Carts, ohne dessen Wagen (Dyck Trike KIM) ich niemals eine Chance gehabt hätte. Aber auch die KX-Geschirre von Dyck sind spitze und meine Hunde laufen darin am allerliebsten. (Und wir haben schon sehr viele Geschirre ausprobiert…) Danke auch an meine Frau Tina Gürnth, die zu Hause alle Fäden in der Hand hält, und ohne die ich nicht hier sein könnte. Und einen herzlichen Dank auch an das gesamte angetretene Team Germany. Die Hilfsbereitschaft, Solidarität und Freundschaftlichkeit im Team gefällt mir (wieder) sehr gut. Ich hatte jedenfalls nie Probleme, Starthelfer zu finden oder einfach jemanden zum Quatschen, wenn es gerade nichts besseres zu tun gab 
Einen großen Dank auch an unsere Teamleaderin Birgit Kostbahn, die sich sehr verantwortungsbewusst um alle Teammitglieder gekümmert hat, konstruktive Vorschläge unterbreitet hat und uns immer gut und umfangreich informierte.

Fazit

Sonne und Schatten liegen immer dicht beieinander. Es gilt jedoch, nicht nur die Schattenseiten zu betonen, sondern sich auch über die Sonne zu freuen. Was nicht gut gelaufen ist, muss ausgewertet werden und dabei sollte jeder auch selbstkritisch mit sich ins Gericht gehen und nicht nur über andere richten. (Wer sich selbst schon mal den Arsch aufgerissen hat, um einen Veranstaltung auf die Beine zu stellen, weiß wovon ich rede.) Ich hatte jedenfalls Spaß bei dieser WM, habe viel gelernt, ziehe (hoffentlich die richtigen) Konsequenzen für mein eigenes Team und freue mich schon darauf, bei der Dryland-Europameisterschaft im Herbst 2018 in Nybro (Schweden) alte und neue Freunde wiederzutreffen.

Bilder: Hundestars.de/Matthias Schleifer/Alexander Herrmann

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